2011 • Männlich und weiblich = „Heilig“!?

Inwiefern trägt unser Geschlecht Merkmale des Heiligen?

Zum Bild Gottes wurden sie geschaffen, als Mann und Frau hat Gott sie erschaffen. Gen. 1, 27 

Mancher wird sich fragen, ob der Ausdruck „heilig“ im Zusammenhang von Männlichkeit und Weiblichkeit angemessen ist. Passt es einfach zum aktuellen Trend? Oder soll damit unsere Vorstellung der Geschlechter fälschlicherweise überhöht werden? Wodurch wird überhaupt etwas „heilig“?

Wenn wir etwas als „heilig“ bezeichnen, meinen wir damit normalerweise, dass es uns unmittelbar mit dem Göttlichen, mit der Transzendenz, mit unserer Seele, oder eben ganz einfach mit Gott in Verbindung bringt. Heutzutage wird der Begriff wohl in einem immer weiteren Sinne für nahezu alles verwendet, das eine tiefe Empfindung oder Bindung bewirkt. Darum geht es mir hier aber nicht. Wir brauchen das wahre Heilige und nicht bloß Fälschungen.

            Vor kurzem war ich in einer Kirche in Arizona, wo man alte amerikanische Flaggen in einem „heiligen“, gesicherten und geschmückten Behälter im Eingangsbereich aufbewahrte. Ein derartiges Missverständnis würde mich in einem säkularen Umfeld nicht verwundern, von einer katholischen Kirche erwarte ich allerdings, dass sie es „besser weiß“. Wie kam es, dass wir unser ureigenes Verständnis des echten Heiligen verloren haben, und wie können wir wieder „besser wissen“, wodurch etwas „heilig“ wird – wie zum Beispiel auch die Geschlechtlichkeit „heilig“ wird – und uns mit Gott in Verbindung bringt?

             Zuallererst werden schon in der Bibel, wie wir im oben zitierten Vers aus Genesis lesen können, Männlichkeit und Weiblichkeit als zwei einzigartige Offenbarungen des einen Bildes von Gott dargestellt. Es scheint, als ob Gott in zwei Hälften „geschnitten“ wäre (1), und sich infolgedessen nur dann vollkommen erkennen lässt, wenn diese beiden Hälften einander achten, aufeinander bezogen sind, sich vereinigen und einander beschenken. Wenn diese beiden eins sind, sind sie „es“!

            Wir reden hier natürlich in erster Linie nicht über individuelle Frauen und Männer, sondern über das, was die Östliche Philosophie schon immer als Yin und Yang bezeichnet hat, oder eben das männliche und weibliche Prinzip oder Energie. Manchmal zeigen Frauen starke männliche Energien (yang), und manchmal Männer starke weibliche Energien (yin). Und wir alle kennen Menschen, die scheinbar das Beste oder Schlechteste von beidem repräsentieren!

            Und dann gibt es ja noch die Schwulen, die Lesben, die Eunuchen, die Hermaphroditen und die Transsexuellen, die erst in unserer Zeit überhaupt sichtbar geworden sind und in der Öffentlichkeit zur Kenntnis genommen wurden. Offenbaren auch sie das Heilige? Wenn ja, dann wie? Wenn wir das ganz offensichtlich Heilige nicht erkennen, das dem männlichen und weiblichen Geschlecht zugrunde liegt, wird es nahezu unmöglich, in diesen andauernden und grenzüberschreitenden  Überraschungen Gottes etwas Heiliges zu finden. Üblicherweise sind wir jedoch darüber empört und enttäuscht. Ganz offensichtlich hat die Bibel versucht, unsere Vorstellung eines „Entweder-Oder-Geschlechts“ zu erweitern und bezeichnet sogar eine Art drittes Geschlecht als heilig: „Den Eunuchen, die an meinem Bund festhalten…denen werde ich ein Denkmal und einen Namen geben, was mehr ist als Söhne und Töchter. Einen ewigen Namen will ich ihnen geben, der nicht getilgt wird.“ (Jes. 56, 4-6) Wow! Wo kommt das denn her?

Non-duales Denken erstreckt sich, so scheint mir, auch auf die Welt der Geschlechter, aber, wie es auch in meinem Buch Pure Präsenz zum Ausdruck kommt, haben wir die Schrift bis heute kaum in einem kontemplativen oder non-dualen Sinne gelesen.

Ich bin der Überzeugung, dass wir das echte Heilige nur mit einem Geist des „Sowohl-als auch“ oder eben einer non-dualen Gesinnung erkennen können. Dualistisches Denken unterteilt die Menschen in eine Welt des Entweder-Oder, und dort sind die Geschlechter nicht in der Lage, einander zu heilen oder zu durchdringen, sondern befinden sich in einem Wettbewerb. Das dualistische Denken bewirkt in uns Begierde anstelle von Liebe, Patriarchat anstelle von Gemeinschaft, Herrschaft anstelle von Miteinander und Misstrauen und Furcht anstelle einer Versöhnung von Gegensätzen. Gerade in unserer Ganzheit – eben nicht dem einen oder dem anderen – offenbart sich das wahre Bild Gottes und so sind wir geheilt.

Deshalb glaube ich, dass wir mit voller Berechtigung sagen können, dass das Geschlecht eine unmittelbare Verbindung zum Göttlichen und zu unserem wahren und somit geheiligten Selbst herstellt. Unser Geschlecht ist die einzigartige Tür zur Intimität, zur Beziehung, zu unserer eigenen Wahrheit und zur Gemeinschaft in jederlei Hinsicht. Niemand ist aus sich selbst vollständig. Wie wir mit Menschen Beziehungen eingehen, genauso werden wir mit Gott in Beziehung treten. Wenn wir in keiner Weise „den Anderen“, unsere andere Hälfte, unseren Zwilling oder Partner, suchen oder keine Kapazität für ihn frei haben, dann kann ich mir nicht vorstellen, wie wir je ein Eins-Sein mit Gott suchen oder verstehen sollten. Die Anziehung zwischen den Geschlechtern sorgt für die Energie, zeigt uns einen Weg und bildet eine Schule der Heiligung für uns alle. Wenn man einem anderen abspricht, solch ein „faszinierendes Abbild“ zu sein, dann spricht man ihm eigentlich auch ab, dass er seinen ganz eigenen Weg zu Gott finden kann. Aus leidenschaftlichen Menschen werden leidenschaftliche Heilige. Kalte Menschen bleiben kalte Menschen.

Wir vermeiden die Energien der Geschlechter auf eigene Gefahr. Das Bedürfnis und der Ruf nach Einheit und Gemeinschaft ist so dringlich und so wichtig, dass Gott sogar die ganze Dummheit, die Abhängigkeiten, die sexuellen Freizügigkeiten und den Missbrauch, die so oft im Zuge der menschlichen Sexualität einhergehen, in Kauf genommen hat. Ja, es gibt das heilige Weibliche und das heilige Männliche, aber am Heiligsten ist, wenn sie einander auf tausenderlei Art und Weise lieben und ehren. Den anderen weder gebrauchen noch kontrollieren, sondern lieben.

            Wenn sich Frau und Mann als eigenständige Individuen begegnen, oder wenn diese beiden Energien sich in einem Individuum im Gleichgewicht befinden, dann sehen wir dort immer auch ein hohes Maß an Güte und Größe und Kreativität! Mann und Frau sind am unterschiedlichsten und am weitesten voneinander entfernt, und damit auch „unheilig“, solange sie auf der untersten Ebene ihrer Reifung stehen. Auf der höchsten Ebene der Reife sind männliche und weibliche Energien füreinander Freunde, Kameraden und Partner und somit möglicherweise der schnellste Weg zu Ganzheit und Heiligkeit. Das Geschlecht ist also wahrlich heilig, und es bereitet den Weg und sorgt für die Kraft, die uns zu Gott führt.

            Sünde ist demnach die Verleugnung dieses Weges der Intimität und Gemeinschaft,  egal in welchem Gewand sie daher kommt, und sei es als Zölibat oder Enthaltung. Das Böse besteht darin, irgendjemandem, uns selbst eingeschlossen, diesen Weg zu verweigern, indem man seine oder unsere Sexualität als minderwertig bezeichnet, sie auf irgendeine Art unterjocht oder einschränkt, oder zur bloßen Unterhaltung herabwürdigt. Wenn der Mensch sich nicht am reizvoll entzückenden Angesicht wenigstens eines Anderen erfreuen kann, wie sollte er dann je das verführerisch-liebende Angesicht Gottes suchen und sich ihm hingeben? Er wird ja noch nicht einmal wissen, wie. Sexualität und Spiritualität sind letztlich die zwei Seiten der gleichen Medaille: die eine ist der Leib, die andere die Seele.

 Zu (1):  Richard Rohr weist hier auf  die Verbindung zwischen dem lateinischen Wort ‚secare’ = schneiden, scheiden und dem Wort ‚Sex’ (von ‚sexus’) hin.

 

Übersetzung des Leitartikels aus „Radical Grace“, dem vierteljährlich erscheinenden Magazin des  CAC (Center for Action and Contemplation) in Albuquerque aus der Ausgabe Winter 2011, die unter dem Titel: „The sacred feminine – the sacred masculine“ erschienen ist. Heidi Lang