2011 • Die zwei Hälften des Lebens

Auf seiner spirituellen Reise hat jeder Mensch zwei große Aufgaben zu bewältigen. Die Aufgabe in der ersten Lebenshälfte ist es, einen geeigneten Behälter (container) für das eigene Leben herzustellen, und dabei einige zentrale Lebensfragen für sich zu klären: „Was gibt mir Bedeutung?“ „Wie kann ich mir selbst helfen?“ „Wer wird mit mir gehen?“ Die zweite Hälfte des Lebens besteht dann ganz einfach daraus, den tatsächlichen Inhalt zu finden, für dessen Aufbewahrung und Weitergabe der Behälter ursprünglich gemacht wurde. In anderen Worten: der Behälter ist um des Inhaltes willen da.

            Und für diese erste Aufgabe investieren wir soviel an Blut und Schweiß, Samen, - und Eizellen, Tränen und Jahre, dass wir uns schließlich überhaupt nicht mehr vorstellen können, dass da noch eine zweite Aufgabe sein soll, oder darüber hinaus noch  irgend etwas von uns erwartet werden könnte. (S. Anm. 1) Das ist das Problem.

Wir sagen: „Die alten Weinschläuche sind doch gut genug!“, obwohl sie laut Jesus den neuen Wein oft gar nicht halten können. Ihm zufolge gehen „sowohl der Wein und der Weinschlauch verloren“ (Lk 5, 37), wenn wir keine neuen Schläuche beschaffen. Die zweite Lebenshälfte kann schon ein gewisses Maß an neuem Wein halten, denn bis dahin sollten doch einige neue Weinschläuche vorhanden sein. Das bedeutet allerdings auch, dass der Behälter selbst sich ausdehnen muss, dass die gewohnte Form vergehen muss, oder dass er gar durch etwas Besseres ersetzt wird. Damit sind wir an dem Punkt angelangt, wo gründlich abgeschliffen wird, aber das bringt gleichzeitig auch Spannung und Neuentdeckungen in unsere Lebensmitte.

            Fast alle kulturellen Leistungen und ein großer Teil der religiösen Geschichte wurden der Entstehung und  Erhaltung der Themen der ersten Lebenshälfte gewidmet: die drei vorherrschenden Belange von Identität, Sicherheit und Überleben. Sie dominieren nicht nur, nein, sie übernehmen vollständig die Kontrolle. Nur darum geht es in der Geschichte der Menschheit, fürchte ich. Tatsächlich galt die Errichtung von Grenzlinien und deren Absicherung für Generationen als die Hauptaufgabe, und zuweilen auch als die einzige Aufgabe überhaupt. Unsere Menschheitsgeschichte besteht weitgehend daraus,  Sicherheitssysteme und angemessene Loyalitätssymbole zu erfinden, die der eigenen Identität und der Gruppe einen Namen geben und diesen verteidigen. Dabei hat der Mensch sowohl die Verteidigung wie auch den Angriff im Übermaß betrieben, so dass weder Zeit dafür blieb, einfach nur zu leben, noch Zeit für Freundschaft oder Gemeinschaft. Aber gleichzeitig braucht jedes Kind genau diese Ich-Struktur, um seine ersten 18 Lebensjahre zu meistern, und dasselbe gilt für alle Volksstämme. Wahrscheinlich ist es geschichtlich betrachtet sogar notwendig, damit wir irgendwann alle mal „in die Pötte kommen“. „Gute Zäune machen gute Nachbarn“, sagt Robert Frost, aber das setzt voraus, dass man eben nicht nur Zäune errichtet. Irgendwann einmal muss man sie auch überschreiten.

            Wir brauchen Grenzen, Identität, Sicherheit und ein gewisses Maß an Beständigkeit, um persönlich und als Gesellschaft voran zu kommen. Wir haben schließlich auch das Bedürfnis, etwas Besonderes zu sein; wir brauchen unsere Dosis an Narzissmus! Damit meine ich, dass wir alle in jungen Jahren Erfolge, Zuwendung und positive Rückmeldung brauchen, ansonsten werden wir das für den Rest unseres Lebens immer wieder von anderen erwarten. Es gibt einen gesunden und notwendigen „Narzissmus“, wenn man es so nennen will. Man muss erstmal eine Ich-Struktur haben, bevor man diese dann loslassen und über sie hinausgehen kann.

            Grundsätzlich kann man sagen, wenn man in ein Mensch in jungen Jahren auf gute Weise „gespiegelt“ wird, dann muss er nicht den Rest seines Lebens damit verbringen, in den Spiegel des Narziss zu schauen, oder um die Aufmerksamkeit der anderen zu buhlen. Er  wurde bereits mit Aufmerksamkeit beschenkt und nun fühlt es sich einfach gut an – und das wird für immer so sein. Wer als junger Mensch in guter Weise „gespiegelt“ wurde, der ist jetzt frei, anderen und auch sich selbst ein Spiegel zu sein – wahrhaftig und hilfreich. Ich kann verstehen, warum so mancher Heilige sagte, dass das eigentliche Gebet darin besteht, den ewig annehmenden Blick Gottes zu spüren und ihn zurück zu geben, ein gegenseitiges Anschauen, um schließlich zu erkennen, dass es ein und derselbe Blick ist, empfangen und zurück geworfen. Die Hindus nennen dieses Ereignis Darshan.

            Wenn man diese Dosis an Narzissmus einmal bekommen hat, dann muss man die eigene Identität nicht mehr schützen, verteidigen, beweisen oder absichern. Sie ist einfach, wie sie ist, und sie ist mehr als genug. Das meinen wir im Grunde, wenn wir von „Erlösung“ reden, insbesondere dann, wenn wir diese Dosis Narzissmus von „ganz oben“ bekommen. Wenn du einmal klar hast, „wer“ du bist, dann erledigen sich die Fragen nach dem „was“ von ganz alleine. Die Tatsache, dass so viele religiöse Menschen ihre Erlösungstheorien so vehement beweisen müssen, lässt einen doch ernsthaft daran zweifeln, ob sie überhaupt irgendeine tiefer gehende Erfahrung göttlicher Erwählung gemacht haben.

            In der ersten Hälfte des Lebens geht es eigentlich nur um die Fragen nach Erfolg, Sicherheit und Grenzziehung. Sie bilden die ersten Stufen in der Maslow’schen Bedürfnispyramide. Wir alle brauchen solche Beständigkeiten, Konstanten und Versicherungspolicen in allen Stadien unseres Lebens. Aber wir müssen aufpassen, dass sie nicht die Kontrolle übernehmen und zur einzigen Aufgabe werden, die uns davon abhält  weiter zu wachsen. Folgerichtig heißt der häufigste Satz in der Bibel: „Fürchte dich nicht!“

Wenn wir nicht über das hinausgehen, was uns in jungen Jahren vorantreibt, also persönliche Sicherheit, Fortpflanzung und Selbsterhaltung (über die Amygdala gesteuert, S. Anm. 2), werden wir auch nie über die unteren Stufen der menschlichen und spirituellen Entwicklung hinweg kommen. In allzu vielen Predigten, die ich in meinem Leben gehört habe, wird aber genau diese Entwicklungsebene beschworen und fast niemals ernsthaft angezweifelt.

            Das äußerst bedauerliche Resultat dieser Beschäftigung mit Ordnung, Kontrolle, Sicherheit, Vergnügen und Gewissheit ist die Tatsache, dass ein hoher Prozentsatz an Menschen nie wirklich zu den Inhalten gelangt – den Inhalten ihres eigenen Lebens! Das menschliche Leben ist doch mehr als Grenzen ziehen, Identitäten schützen, Sippen erschaffen und Selbstkontrolle weiter geben. Wie sagt Jesus: „Warum fragt ihr: Was soll ich essen? Was soll ich anziehen?“ und weiter: „Ist Leben nicht viel mehr als Speise? Ist Leben nicht viel mehr als Kleidung?“ (Lk. 12, 23)Und: „Was hilft es dir, wenn du die ganze Welt gewinnst und verlierst dabei deine eigene Seele?“ (Mt. 16,26)

Auszug aus dem in Kürze erscheinenden Buch Falling Upward: A Spirituality for the Two Halves of Life, mit freundlicher Erlaubnis durch Jossey-Bass. Erhältlich ab April 2011

Verantwortlich für die Übersetzung: Heidi Lang 

Anm. 1:                 Richard Rohr spielt hier im Original poetisch und kraftvoll mit Worten, die ich euch nicht vorenthalten will :”…the first task invests so much of our blood and sweat, eggs and sperm, tears and years”…

Anm. 2:                 Richard Rohr spricht an dieser Stelle von dem „lizard brain“ (wörtlich: Eidechsen-Hirn). Die Amygdala gehört zum limbischen System unseres Gehirns, das sich sehr früh entwickelt hat.