2010 • Söhne Esaus: Männer heute – Männer zu allen Zeiten

Nach 25 Jahren Männerarbeit mit Gruppen in den USA und anderen Ländern, - mit Häftlingen, bei Einkehrtagen und Übergangsriten und mit Männern in der Seelsorge – ist mir, traurig aber wahr, sehr klar geworden, wie gefangen sich der westliche Mann fühlt. Er ist in sich selbst gefangen, und findet dort auch fast keine innere Welt mit tieferem Sinn, die ihn heilen oder leiten könnte. Schauen wir auf unsere Geschichte, dann finden wir hier vor, was die Spiritualität mit dem Ausdruck „die eigene Seele verlieren“ beschrieben hat! Das wird sich nicht irgendwann „später“ ereignen, außer, es hat sich zuerst jetzt und hier ereignet.

Der männliche Teil einer Art wurde schon immer dazu ermutigt und dafür belohnt, wenn er ein „äußerliches“ Leben lebte, ein Leben der Darbietungen, bei denen es immer um Sieg oder Niederlage geht. Hören Sie doch mal zu, wenn Jungs miteinander reden: sie haben genau dieses Verhalten schon angenommen und werden für gewöhnlich sowohl vom Papa als auch von der Mama (!) darin bestärkt. Eine säkulare Gesellschaft wie die unsrige kennt keine andere sinnvolle Handlungslinie. Die Welt des Sports, der Wettbewerbe und Superstar-Shows, der Video-Spiele und Selbstbehauptung ist für den Mann der primäre Mythos mit dem er sich seine Wirklichkeit erschafft.

In dieser Sicht der Welt gibt es nur Gewinner oder Verlierer, kein „Dazwischen“; und wenn du erstmal als Verlierer erachtet wurdest, von anderen oder von dir selbst, dann bleibt da nur eine minimale Chance für Entwicklung oder „Erlösung“. Sogar das Evangelium wird im Westen hauptsächlich als ein komplexes Lohn- und Strafsystem gelehrt, was, so könnte man annehmen, für die hauptsächlich männliche Geistlichkeit auch durchaus Sinn macht. Genau so möchten wir gerne unsere Wirklichkeit fassen. Hier geht es nur selten um Heilung, Wachstum oder sonst etwas, das mit der inneren Welt zu tun hat. „Wofür sollte ich denn Heilung brauchen?“ haben mich Männer ganz unverblümt gefragt. Schon das Wort kommt den Männern komisch vor, es klingt ja schon so „weich“ und „bedürftig“. Damit haben wir also die besten Voraussetzungen für eine ungeheuer große Schattenwelt und eine unbewusste Agenda, die im Großen und Ganzen das Sagen hat. Wenn wir uns dies vor Augen halten, überraschen uns dann noch die aktuellen Skandale in der Politik, an der Wall Street und in der Kirche?

Was uns bei den Initiationsriten, die wir nun seit fast 15 Jahren mit Männern durchführen, mit am meisten erstaunt hat, war die aufschlussreiche Entdeckung, dass ein großer Anteil der männlichen Wut eigentlich männliche Trauer ist – Trauer über verlorene Lieben, oder über eine Welt, die man sich herbeigeträumt hatte. Der Mann selbst hat jedoch keinen Zugang zu solchem Wissen, und er wird sich möglicherweise selbst für einen zornigen Mann halten. Er ist aber oft ein sehr trauriger Mann, der keine ausdifferenzierte Gefühlswelt hat, keinen Wortschatz, keine verlässlichen männlichen Freunde, weder einen inneren Raum und noch einen äußeren Rahmen, der es ihm ermöglichte, sich diesen auseinanderklaffenden Gefühlen zu stellen – noch nicht einmal in seiner Kirche oder mit seiner Partnerin.

Ich bin mir bewusst, dass ich jetzt heiligen Boden betrete, aber ich werde es dennoch sagen: Diese Kirche ermutigt eigentlich nicht zu innerem Wachstum! Sie hat Systeme entwickelt, in denen Glauben, Zugehörigkeit und Moral maßgeblich sind und ersetzt damit jegliche innere Reise hin zu Gott. Entsprechend ist das Verhalten nach außen auch eher dürftig. Ich wäre bereit, diese Überzeugung gegenüber den höchsten katholischen Würdenträgern, den protestantischen Schriftgelehrten und den fundamentalistischen Denksportlern zu vertreten.

            Im Grunde gibt es genau diese äußerlichen Hierarchien, das vereinfachende und dualistische Schriftverständnis und den verkopften Fundamentalismus ja nur deshalb, weil der Mann nicht bereit ist zu fühlen, zu leiden, zu verlieren oder wenigstens mit einem Mindestmaß an Einfühlung an der Seite des Außenseiters zu stehen. Aber genau das ist natürlich der Ort, wo Jesus stand und litt, und alles ertrug „bis hin zum Tod, zum Tod am Kreuz“ (Philipper 2,8). Wie nur können wir uns erdreisten, einen „Verlierer“ anzubeten und gleichzeitig den Sieg zum Ideal erheben?

Also, was machen wir nun für unsere Männer – unsere Ehemänner, Väter, Söhne und Brüder?

Zunächst ist festzuhalten, dass die Kulturen zu allen Zeiten dieses Problem erkannt haben. Man hat festgestellt, dass Männer von sich aus eben NICHT nach Innen gehen – und wenn sie dann wirklich nicht mehr anders konnten war es oft zu spät. Folglich hat man für den jungen Mann irgendwann zwischen dem 13 .und 17. Lebensjahr eine Reise nach Innen strukturell etabliert, und dies wurde „Initiation“ genannt. Ich frage mich zwar, ob es tatsächlich in vielen Fällen etwas gebracht hat, aber man war überzeugt, dass es für das soziale Überleben des Stammes notwendig war. Immerhin hat es doch soweit funktioniert, dass eine ausreichende Anzahl an Männern die Rolle der Ältesten übernehmen konnte: weise Männer, Männer, die über die Themen Ego, Kontrolle, und Macht hinaus in die „zweite Lebenshälfte“ eingetreten sind, hin zu einem nicht-dualistischen Geist, den wir Weisheit nennen. Im Wesentlichen hat man dies durch zwei Methoden angewandt: ausgedehnte Einsamkeit und Stille, und ritualisiertes geheiligtes Leiden. Die Initiation bildete das Gefäß für die Transformation des Mannes. Es gab keinen anderen Weg und darüber können so viele Kulturen nicht irren.

            Verfasste Religion wird ihrer ureigensten Aufgabe nicht gerecht, nämlich der Transformation von Menschen auf einer tieferen Ebene. Statt eines Lebens der Symbole und Bilder wählen wir die intellektuelle Schiene, statt eines Lebens das von Innen her Bedeutung gewinnt, leben wir vorwiegend im Kopf, und wir leben in einem christlichen Club, anstatt wirklich zu einer Reise aufzurufen, die einen Mann anspricht und den er respektiert. Man kann schon ohne Erfolg leben, aber die Seele kann nicht leben ohne Sinn. Unsere Männer sind wie Esau, von ihren Vätern und Brüdern zum Narren gehalten und um ihr ureigenes Geburtsrecht betrogen. Kein Wunder also, dass die zeitgenössischen Esaus „sich rächen und morden“ wollen (Gen. 27, 42). Man kann einem Mann nicht seine Seele nehmen, oder es versäumen, ihm bei der Entdeckung der Seele beizustehen, ohne dass dies schwerwiegende Folgen für seine Familie, seine Nachbarschaft, seine Kirche und die gesamte Gesellschaft hat. Es scheint, als schreie Esau für alle Zeiten hinaus: „Vater, hast du keinen Segen für mich? Hast du denn wirklich nur einen Segen zu geben?“ Ich überlege, ob Jakob und Esau nicht genau die Archetypen abbilden für Sieg und Niederlage, Alles oder Nichts, für den dualistischen Verstand, wenn da kein Segen mehr übrig bleibt, es sei denn man selbst ist Jakob…

            Wir müssen unseren Männern helfen über das selbstzerstörerische Spiel des Entweder – Oder hinaus zu kommen und zum offenen und gnädigen Raum dieser unbegrenzten und lebendigen Welt des “Dazwischen“ zu gelangen, die Gott uns gegeben hat, und in der wir alle ja sowieso schon leben.

Übersetzung aus dem Amerikanischen: Heidi Lang