2010 • Die Schöpfung ist der Leib Gottes

von Richard Rohr, OFM

 

„Die Schöpfung ist die erste und gänzlich vollkommene Offenbarung des Göttlichen.“
Thomas von Aquin 

„Gott bleibt in unmittelbarer und immerwährender Aufmerksamkeit allem zugewandt, was existiert, und zwar gerade in dessen So-Sein.“
John Duns Scotus 

Die Inkarnation Gottes hat sich nicht vor 2000 Jahren in Bethlehem ereignet. An dieser Stelle haben wir nur begonnen, sie wirklich ernst zu nehmen. Die Inkarnation hat tatsächlich vor 14,5 Milliarden Jahren statt gefunden und zwar in jenem Moment, den wir heute den „Urknall“ nennen. An diesem Punkt hat Gott beschlossen, Materie zu werden, und sich selbst zu zeigen.

            Vor zweitausend Jahren geschah dann die menschliche Inkarnation Gottes in Jesus, aber davor steht die erste und ursprüngliche Inkarnation durch Licht, Wasser, Land, Sonne, Mond, Sterne, Pflanzen, Bäume, Früchte, Vögel, Schlangen, Vieh, Fische und „alle Arten von wildem Getier“, wie es unsere Schöpfungsgeschichte beschreibt (Gen 1, 3-25). Dies war der „Kosmische Christus“, durch den Gott „uns das Geheimnis seines Willens kundgetan hat, den verborgenen Plan, den er mit Wohlgefallen von Beginn an in Christus gemacht hat“ (Eph. 1,9). Christus ist nicht der Nachname Jesu, sondern der Titel für sein Lebenswerk.

            Jesus ist die unmittelbare Wahrheit, die die universale Wahrheit offenbart und dafür einsteht. Wie der Kolosserbrief es ausdrückt, ist „er das Abbild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene unter allen Geschöpfen“ (Kol 1, 15), er ist ein herrliches Teil des Ganzen, das dieses noch großartigere Ganze benennt und offenbart. „Die Fülle ist in ihm gegründet…alles im Himmel und alles auf der Erde“ (Kol 1, 19-20). Christus war für John Duns Scotus (1265/66-1308) der allererste Gedanke Gottes, und Gott hat nie aufgehört, diesen Christus zu denken, zu träumen und zu schaffen. „Die ungeheure Vielfalt und Vielgestaltigkeit dieser Schöpfung spiegelt Gott noch viel vollkommener wider als irgendeine Kreatur es für sich oder durch sich könnte“, fügt Thomas von Aquin (1224-1274) in seiner Summa Theologica (47, 1) hinzu.

            Für die meisten von uns wird unsere bisherige Vorstellung vom Universum und unserer Religion damit wohl ordentlich erschüttert. Und dennoch: wenn irgendeine Gruppierung ganz einfach und ohne Umwege zu diesem Schluss hätte gelangen müssen, dann doch die drei Glaubensrichtungen, die sich selbst ‚Monotheisten’ nennen: Juden, Christen und Muslime glauben doch alle, dass die Welt von einem Gott erschaffen wurde. Daraus wäre zu folgern, dass alles, und zwar alles ohne Ausnahme, deutlich erkennbare Spuren dieses Gottes und eine Ähnlichkeit mit diesem einen Gott besitzen müsste. Das wäre doch die logische Folgerung! Wie konnten wir das nur übersehen? Immerhin glauben wir doch, dass der Eine Gott aus dem Nichts alles erschaffen hat.

            Wir sollten uns endlich klarmachen, in welchen Schlamassel wir uns gebracht haben, indem wir die Inkarnation und den Leib Gottes nicht ernst genommen haben. Für uns Christen ist das die einzige Trumpfkarte, die wir haben, und bis heute haben wir sie noch nicht ausgespielt! Sally McFague drückt dies in bestechender Weise aus, wenn sie sagt: „Die ganze Schöpfung ist auf Erlösung hin ausgerichtet und die Schöpfung ist zugleich der Ort dieser Erlösung“ (The Body of God, S. 287). Jeder Ort ist ein Ort Gottes, und damit auch unser Ort, und damit auch der einzige und zugleich jeglicher Ort.

            Im 4. Jahrhundert sagte Augustin, dass die „Kirche in der Einheit und Vereinigung der ganzen Welt ihren Ausdruck findet“ (Ecclesiam in totius orbis communione consistere).

Da, wo wir miteinander in einer echten Beziehung verbunden sind, man könnte vielleicht sagen „verliebt“, da ist der Christus, der Leib Gottes, und da ist auch die Kirche. Aber wir haben dieses Große Geheimnis zusammengestutzt und es klein, schwer zugänglich und kontrollierbar gemacht. Aus der Kirche wurde ein katholischer, orthodoxer oder protestantischer Privatclub, in dem die Mitglieder nicht  automatisch mit etwas „vereint“ waren, jedenfalls sicher nicht mit der Natur, den Tieren, mit Nicht-Christen, und noch nicht mal mit Christen außerhalb der eigenen Konfessionsgemeinschaft. Schließlich ist nur eine „Mini-Erlösung“ übrig geblieben, die diesen Namen kaum noch verdient. Gott war also am Ende absolut nicht siegreich.

            Unser gegenwärtiges Leiden, unsere kurze und intensive Anwesenheit in dem gemeinsamen Nest, das wir beschmutzt haben, wird bald das einzige sein, das wir noch irgendwie gemeinsam haben. Und vielleicht wird es ja zu dem Element, das uns am Ende doch zusammen bringt. Die Erde und ihr Ökosystem, von dem wir gänzlich abhängen (wie Gott im Übrigen auch!), könnte schon bald zu dem Einen werden, das uns zu einem einfachen evangeliumsgemäßen Lebensstil bekehrt, zur notwendigen Gemeinschaft führt und einen verinnerlichten, universellen Sinn für das Heilige weckt.

            Ich bin mir sicher, dass Worte, Lehrmeinungen und verkopfte Glaubenssysteme die Fülle dieses Kosmischen Christus nicht mehr erkennbar machen können und werden. Diese Erde ist tatsächlich der wahre Leib Gottes, und aus diesem Leib sind wir geboren, von ihm leben wir, an ihm leiden wir und werden von ihm auferstehen zum ewigen Leben. Entweder ist das Ganze hier Gottes Projekt, oder wir dürfen die berechtigte Frage stellen, ob irgendetwas daran zu Gottes Großem Projekt gehört. Man fragt sich dabei, ob wir Menschen dann die letzten sein werden, die diese Wahrheit akzeptieren…

            „Vom Anbeginn bis zum heutigen Tag seufzt die gesamte Schöpfung in dem einen großen Geburtsgeschehen, und nicht nur die Kreatur, sondern wir alle, die wir den Geist als Erstlingsgabe empfangen haben, auch wir seufzen innerlich und warten auf die Erlösung unseres Leibes (Röm 8, 22-23). Es scheint fast, als wollte der Apostel Paulus hier sagen, dass wir Menschen möglicherweise als allerletzte auf Gottes großen Plan aufspringen. Auf der einen Seite stöhnt die ganze Schöpfung  unter ihren Wachstumsschmerzen, das Stöhnen der Menschen dagegen kommt von der Anstrengung des Widerstandes und der „Erwartung“.

            Die ganze Schöpfung, so scheint es, hat ihr Schicksal gehorsam angenommen, „jedes sterbliche Wesen tut das immer  Gleiche…’ Ich selbst, so spricht und stammelt und ruft es schließlich aus: ‚Ich bin, was ich tue, denn dafür bin ich gekommen’ (Gerard Manley Hopkins, Wenn der Eisvogel Feuer fängt). Wäre das nicht unsere letzte und größte Beschämung – jedenfalls genau das, was Matthäus meint mit „die ersten werden die letzten sein“ (Mt 20, 16) – wenn wir eines Tages erkennen, dass alle anderen Geschöpfe ohne zu Zaudern und mit vertrauensvoller Hingabe ihrer Vorsehung gefolgt sind. Schaut euch doch die Pflanzen und Tiere an!

            Es sind nur die Menschen, die sich gegen das „eine große Geburtsgeschehen“ wehren und stattdessen immer wieder den Tod gewählt haben –  für sich selbst und für so viele andere.

Übersetzung aus dem Amerikanischen: Heidi Lang